Kategorienarchiv: VOLLRAUSCH

Von der Wiege bis zur Mitglieder-Bahre

Beim Entwickeln dieser Werbung befanden sich ein paar ansonsten kreative Menschen gedanklich bereits im Urlaub. Die Aussage und das Bild wollen sich dem Betrachter einfach nicht schlüssig offenbaren. Da wäre mal die Idee, sich von der Mitgliederkarte abtransportieren zu lassen. Das ist ja, wie wenn die Migros Werbung machen würde mit Kunden, die sich auf ihre Cumuluskarte im Weltformat legen und dergestalt auf dem Warentransportband zur Kasse fahren lassen. Nur halb geglückt, gibt keine dreifachen Cumuluspunkte für diese Werbung. Dann der Urlaub. Es ist völlig okay, wenn in diesem einmal nichts passiert. Aber wir Schweizer – und um einen (den grössten) Mobilitätsclub der Schweiz geht es hier schliesslich – würden eher sagen «wenn in den Ferien einmal nichts passiert …» Den Urlaub überlassen wir den Deutschen. Ist halt so.

Volltext Werbetexte TCS

Ich bin verwirrt: Ist jetzt etwas passiert oder nicht?

Der grösste Haken jedoch liegt in der Aussage selbst: Eine TCS Mitgliedschaft lohne sich auch dann, wenn im Urlaub einmal nichts passiert. Also der Frau auf dem Foto ist schon mal ziemlich viel passiert: Sie benötigt eine Halskrause (gelähmt? Schleudertrauma?). Sie liegt äusserst unbequem auf einer harten Karte aus Plastik (Idee: Für Gutbetuchte entwickeln wir eine gepolsterte Gold-Member-Karte). Und den Infusionsbeutel schliesslich haben ihr die Automechaniker von TCS zwischen die Beine gelegt, als ob es sich um eine Packung Scheibenwischwasser handelte.

Dann dies: Bedeutet die Aussage, eine TCS Mitgliedschaft lohne sich auch dann, wenn im Urlaub einmal nichts passiert, dass der TCS davon ausgeht, dass in den Ferien normalerweise etwas passiert? Ist das Passieren der Regelfall und das Nicht-Passieren die Ausnahme? Wohlgemerkt, wir sprechen hier nicht von Abenteuern und Entdeckungen, sondern von Verletzungen, Verbrechen, Unfällen, Pannen usw. Na dann, schöne Ferien! Die Headline hat einen weiteren Haken: Wenn sie verspricht, eine TCS Mitgliedschaft lohne sich, auch wenn einmal nichts passiere, dann erwarte ich als geneigter Leser, vom Texter in der Copy, also im Fliesstext, zu erfahren, warum sich denn die Mitgliedschaft lohnt, auch wenn einmal ausnahmsweise in den Ferien nichts passieren sollte. Und ich erfahre darüber: nichts, null.

Suche ich nämlich im Fliesstext nach den Argumenten, warum es sich lohnt, TCS Mitglied zu sein, erfahre ich nur, dass ich damit die Gewissheit habe, Hilfe in der Not zu bekommen – und dass ich und mein Fahrzeug im Notfall mit der Rückführungsflotte und von TCS Spezialisten begleitet, nach Hause gebracht werden. Auch das klingt doch eher danach, als wären dies Ferien, in denen etwas passiert. Alle anderen Fälle scheinen sich vor allem für den TCS nicht zu lohnen und damit auch nicht der Werbetext-Rede wert zu sein.

 

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China kopiert sich selbst

Der Druckfehler deutet auf eine Fälschung hin. Vermutlich ist die Mütze aus reiner Baumwolle.

Der Druckfehler deutet auf eine Fälschung hin. Vermutlich ist die Mütze aus reiner Baumwolle.

An dieser Stelle sei von einem Sack Reis berichtet, der in China umgefallen ist. Dass ebenjenes Land die Fabrik der Welt ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Und wo gehobelt wird, da fliegen die Plastikspäne. Im Reich der Mitte werden Perlmutter, Bambus, Keramik und Elfenbein in kunstfertiger Vollendung (vollendeter Kunstfertigkeit) – selbstverständlich von (Kinder)Hand – geschnitzt, erhitzt und geritzt. Diesen Materialien in nichts nachstehend, werden in den zahllosen Manufakturen des Landes mit der gleichen Hingabe Polyester, Polyacryl, Polygamie und Polyamid zu hauchzarten Fäden versponnen und zum Beispiel zu einer Mütze aus reiner Schafschurwolle verarbeitet. Ein ausgezeichneter Wärmespender, sogar in eisig kalten schweizerischen Wintern. Die sind allerdings auch nicht mehr das, was sie vor dem Ersten Weltkrieg einmal waren.

Wenn dann die Baumwollmütze aus garantiertem Kunststoff wohlig auf dem Kopf juckt, ist man bald geneigt, sie zusammen mit einer grosszügig gefüllten Tasse Weichspüler der Note Apfelblüten in die Waschmaschine zu legen. Nach der Wäsche entnimmt man die Mütze der Maschine, sie sieht nun aus wie Teer, ist handlich wie ein Klümpchen Teer – und riecht wie Teer, angereichert mit einer Erinnerung an Apfelblüten.

Doch darum geht es hier nicht. Vielmehr geht es um das Phänomen des «Links Waschens». Denn noch bevor die Mütze aus hundert Prozent künstlich hergestellter Seide in der Waschmaschine landet, wird sie umgestülpt, und da bleibt das pingelige Texterauge an der Waschanleitung haften. Dort steht Schwarz auf Polyethylen: «Made in Chian». Aha, da haben wir’s: Ich möchte wetten, das ist eine Fälschung. Vermutlich aus Asien, eventuell aber auch aus einem anderen Land.

 

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